Was einen guten Quantenphysiker ausmacht

Während ich abends sinnierend auf der Terrasse sitze, beobachte ich das faszinierende Treiben der Glühwürmchen. Ich sehe sie ungefähr eine Sekunde lang, dann sind sie wieder für eine Sekunde verschwunden. Mit einiger Mühe kann ich die Bahn eines Würmchens während der Dunkelphase rekonstruieren und manchmal auch vorausberechnen.

Ich bin ein schlechter Quantenphysiker. Denn soeben habe ich Dinge angenommen, die zwar jeder gesunde, normale, vernünftige und mit der Wirklichkeit zurecht kommende Mensch auch akzeptiert, nicht aber ein Quantenphysiker: Ich nahm an, dass die Würmchen in der Zeit, da ich sie nicht sehe, tatsächlich weiter existieren. Und dass sie in dieser Zeit eine eindeutige Flugbahn besitzen. Wie kann ein Mensch nur so verquer denken!

Als echter Quantenphysiker muss ich vielmehr annehmen, dass

(a) die Würmchen keine Bahn besitzen, wenn ich sie nicht sehe, und, als Übersteigerung:

(b) in dieser Zeit gar nicht existieren. Oder, wie es Albert Einstein mal ironisch-drastisch ausdrückte:

Wenn ich den Mond nicht sehe, dann existiert er auch nicht.

So jedenfalls sah Niels Bohr die Sache, der Ober-Guru und selbst ernannte Philosoph der Quantenphysik, vor dem alle in die Knie gingen. Und wenn er wieder eines seiner unsäglichen Bonmots von sich gab (Beispiel: Das Gegenteil einer großen Wahrheit ist wieder eine große Wahrheit), dann jubelte die Welt und nahm die Worte dankbar auf. So wie Friedrich von Weizsäcker, als er einst Bohr besucht und ihn, wie üblich, nicht verstanden hatte. Anstelle anzunehmen, Bohr, der Papst der Quantenphysik, hätte möglicherweise gar nichts Großartiges geäußert, quälte sich Weizsäcker “in endlosen einsamen Spaziergängen” damit ab herauszufinden, wie jemand denken und argumentieren müsse, um Bohr Recht zu geben. Da hat’s die katholische Kirche leichter. Deren Papst ist per Dekret unfehlbar.

Peter Ripota

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